Remo MüllerPanama, KolumbienLeave a Comment

imageSie sind die einzigen Bewohner der Insel. Und leben von Fisch, Meeresfrüchten und Kokosnüssen. Heute ist der Sohn auf Besuch, hilft seinen Eltern ein bisschen aus. Er lebt auf einer anderen Insel, etwa eine Stunde Bootsfahrt entfernt. Der Vater, Filos, ist bereits 74. Er und seine Frau leben in einem kleinen Strohhäusschen mit zwei Hängematten gespannt. In einem zweiten kleinen Gehäus bewaren sie die Vorräte auf. Reis und Bohnen werden zu Zeit zu Zeit auf die Insel gebracht. Das Wasser gewinnen Sie vom Meer. Mitten auf der Insel haben sie so tief gegraben, bis das Wasser zum Vorschein kam. Meerwasser, aber trotzdem nicht mehr salzig. Der Sand filtert das Salz offenbar raus. Nicht ganz einfach zu glauben. So habens uns die Inselbewohner gezeigt und erzählt. Die Menschen machen auf mich einen genügsamen und zufriedenen Eindruck.

Die Familie Ascanio gehört zum Inselvolk «Tune». Eine indigene Ethnie Panamas, mit eigener Sprache. Die etwa zehntausend Einwohner leben auf ca. 60 der 350 San Blas Inseln. Interessant ist ihre Flagge: Ein umgekehrtes Hackenkreuz. Auf San Blas herrscht das Matriarchat. Das Sagen haben die Frauen. Nach der Heirat leben die Männer in der Regel in den Familien der Frauen. Unterkünfte gibt es nur ganz wenige auf San Blas. Die «Tule» sind autonom. Wenn jemand auf einer Insel ein paar Bungalows bauen möchte, muss er die Menschen dort fragen. Das Sagen haben einzig und alleine die «Tule». Und die sagen im Normalfall «nein». Zum Glück.

Viel habe ich ja nicht gehört über diese San Blas Islands. Auf der ganzen Reise habe ich nur ganz Wenige getroffen, die mal dort waren. Es ist nicht ganz einfach auf die Inseln zu gelangen. Maria aus Chile zum Beispiel war da. Ich habe sie in Nicaragua kennengelernt. Sie hat sehr sehr fest geschwärmt von den San Blas Inseln. Oft ist es ja so, dass Reisende so fest von etwas schwärmen, dass sie vor Begeisterung schier einen Orgasmus bekommen. Das treibt dann wiederum meine Vorfreude und Erwartungen ins Unerreichbare. Und wenn ich dann dort bin, ist das dann amix so ein blödes Gefühl.. «Aha, das ist jetzt das. Ist ja schon schön..aber…» So eine Mischung aus leiser Entäuschung und Scham vor mir selber. «Kann es mir denn nicht gut genug sein..?» Darum habe ich angefangen, Begeisterungsausbrüche von Reisenden etwas auszugleichen. Wenn zum Beispiel ein Holländer von Bergen schwärmt und ein Finne vom Dschungel, dann ist das mit höchster Vorsicht zu geniessen. Es kann aber tatsächlich passieren, dass die Erwartungen auch nach Orgasmus-nahen Begeisterungsausbrüchen Reisender, übertroffen werden. Dann, dann ist man auf den San Blas Inseln.

Mit einem kleinen Schiffskutter werden wir zur Santana gebracht. So heisst unser Katamaran. Die nächsten vier Nächte und fünf Tage wird das unser Zuhause sein. WIR, sind 17 Reisende aus sechs Nationen. Der Kapitän heisst Fernando, ein Argentinier. Die Matrosin Sophie, ist seine Freundin. Dabei sind auch meine Schaffhauser Amigos Beni, Simon und Simon. Wir werden jetzt zweieinhalb Tage auf den San Blas Islands sein und zweieinhalb Tage auf offener See, für die Überfahrt nach Südamerika. Über dem Landweg kommt man nicht von Panama nach Kolumbien. Lange haben wir uns darauf gefreut, uns vorgestellt, wie dieses Schiff ächt ausschaut. Und dann sind wir da, auf der Santana. Toll. Weils ein Katamaran ist, hats viel Platz auf Deck. Weniger Platz hats im Bett. Die Zimmer sind natürlich klein. Aber da bin ich ja eh nicht viel. Ich möchte jede Minute, am liebsten Tag und Nacht dieses Abenteuer geniessen, dachte ich. Es kam ganz fest anders, aber dazu später.

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Viel kann man nicht machen auf so einem Schiff. Kunstvoll ins Wasser springen, Schnorcheln, oder einfach sein. Und ab und zu eine neue Insel erforschen. Da macht mir am meisten Freude. Mit Taucherbrille und Schnorchel den komplett unberührten Korrallenriffs nach, auf eine Insel schnorcheln. Mit etwas Nervenkitzel laufe ich auf feinstem Karibiksand den Palmen entgegen. Nervenkitzel darum, weil ich noch nicht weiss, ob es hier menschliches Leben gibt. Ich fühl mich wie Robinson. Nach ein paar Schritten sehe ich ein Strohhäuschen durch die Palmen schimmern. Das einzige auf dieser Insel. Ein Mann kocht draussen auf dem Feuer, es gibt Reis und Fisch. Er fragt ob ich auch möchte. «Kostet nur fünf Dollar», ruft er. Dann gibt es aber auch ganz viele völlig unberührte Inseln. Teilweise nur ein bisschen Sand. Da gibt’s ein Inselchen da kann man knapp liegen. Hinten ist der Kopf etwas im Wasser und vorne die Füsse. Von dem habe ich als Kind geträumt. So eine kleine Sandinsel im grossen, weiten Meer. Ich habe sie gefunden! Die aller meisten Inseln sind aber mit mehr oder weniger dichten Palmenwälder oder Dschungel bewachsen. Alles auf den Inseln erachten die «Tule» als ihr Eigentum. Wer es also wagt, nur schon eine Kokosnuss aufzuheben, hat den Ärger mit den «Tule» auf sicher, sagte unser Captain Fernando. Wir haben uns nicht getraut herauszufinden ob dem auch so ist.

Das Leben auf dem Schiff ist toll. Wir essen unter anderem, was Fernando den Tag durch fischt. Mal Languste, mal einfach Fisch. Duschen ist abenteuerlich. Es hat nur ganz wenig Süsswasser an Bord. Hinten am Schiff hats so ein Schlauch mit einer Wasserpistole angeschraubt. Fernando zeigt uns wie man mit so wenig Wasser wie möglich sauber macht. Zuerst, mit ganz wenig Wasser das Salz etwas wegspühlen. Dann einschäumen. Danach nicht etwa den Schaum abduschen, sondern ins Meer springen. Denn es bräuchte zu viel Wasser um den Schaum von Körper und Haar zu spülen. Und am Schluss, das Salzwasser kurz etwas abspülen. Voila. Sauber. Interessant ist auch das WC. Wenn man das Geschäft erledigt hat, wird alles direkt ins Meer gespült. Etwas ungünstig ist es dann, wenn unten einer grad seinen menschlichen Bedürfnissen nachgeht, und oben die Jungs den Chöpfler machen….
Nach dem Duschen bestaunen wir alle den epischen Sonnenuntergang. Das Leben auf dem Segelschiff. Wie im Traum. Es ist Nachmittag am dritten Tag. Ich laufe mit Beni, Simon und Simon um die letzte Insel. Ein etwa 15-Minuten Spaziergang. «Jetzt einfach alles aufsaugen», sagt Simon. Ich meine in seiner Stimme etwas Wehmut zu spüren. Die letzten Minuten auf San Blas. Die letzten Minuten das Träumchen leben,  von der einsamen Palmeninseln. Denn jetzt beginnt das grosse Abenteuer, die Überfahrt in einen anderen Kontinent. Mit dem Schiff von Nord- nach Südamerika. Wir freuen uns alle. Es ist aber auch eine etwas vorsichtige Vorfreude. Ich habe auch schon Horrorgeschichten gehört von Menschen die seekrank wurden und einen Horrortrip erlebt haben. Bei mir kann das nicht passieren. Ich bin ja früher mit meinem Papi auf dem Bodensee segeln gegangen. Ich kann mit Wellen recht gut umgehen. Dachte ich.

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Wir sind bereits auf der Überfahrt. Das erste Znacht auf hoher See: HotDogs. Ich bin hungrig und gönne mir gleich drei Stück. Fernando sagt noch mit einem etwas fiesen Lächeln, er wünsche uns dass wir die HotDogs im Magen behalten. Alle lachen zuversichtlich. Ich auch. Es ist bereits ziemlich wellig. Schon das Essen ist ein Abenteuer. Der Wasserbecher muss immer direkt ausgetrunken werden. Ich frage noch amüsiert in die Runde: «Geht’s allen noch gut?» Nach dem Essen setze ich mich aufs Deck, schaue ins weite Meer hinaus. Versuche diesen Moment, auf den ich mich lange gefreut habe zu geniessen. Ich konzentriere mich auf den Horizont, um die Wellen auszugleichen. Ich merke dass ich müde werde. Ich habe diese «seasick»-Pille genommen. Es war sogar Pflicht. Die Wellen werden immer heftiger. Auf Deck wirds ungemütlich. Immer wieder spritzt Wasser aus Schiff. Die meisten gehen darum schon um Acht Uhr schlafen. Ich bleibe noch etwas auf Deck. Nicht weil ich Lust habe, sondern weil ich merke, dass das mit dem Aufstehen nicht einfach wird. Die Dunkelheit nimmt mir den Horizont weg. Ich versuche die Sterne und den Mond zu fixieren. Die Wolken nehmen mir auch dies weg. Es ist inzwischen etwa halb zehn. Stockdunkel. Ich sitze immernoch auf Deck, bin schon recht nass. Ich merke, ich kann nicht aufstehen. Das ist der Moment in dem mir klar wird, dass das nicht gut kommen kann.

Ich renne konzentriert aufs WC, versuche mir die Zähne zu putzen. Muss mich festhalten, das Meer ist unruhig. Ich merke, wie es mir immer schlechter geht. Ich schaffe es knapp noch das Zahnbürsteli auszuspülen, dann wird es mir schwarz vor den Augen. Ich muss mich fallen lassen, grad neben dem WC. Das fürchterliche Schaukeln geht weiter, und weiter, und weiter… Die Überfahrt hat ja erst begonnen. Nach etwa 30 Minuten auf dem WC-Boden werde ich gefunden. «Das ist kein guter Ort zu schlafen», meint Fernando. Ich müsse an Deck kommen. Ich finde es ein toller Ort. Das WC ist nah. Ich glaube es nicht auf Deck zu schaffen, ohne dass die drei HotDogs sich selbständig machen. Mit letzter Kraft und Hilfe von Fernando hieve ich mich dann doch auf Deck. Kurz darauf kommen sie, die drei HotDogs. Alle zehn Minuten einer. Das Schiff schlägt nach jeder Welle auf dem Wasser auf. Es knattert und schaukelt fürchterlich, es fühlt sich an als würde der Katamaran auseinanderbrechen. Das ist der Beginn meines Albtraums. So liege ich die halbe Nacht hinten auf Deck. Nass und ausgekotzt. Und gleichzeitig ist mir sonnenklar, dass das jetzt zwei Tage so gehen wird.

imageNächster Morgen. Ich habe es dann doch noch irgendwie ins Bett geschafft. Ich habe sogar etwas geschlafen. Aber mir geht es immer noch fürchterlich. Die Wellen hören nicht auf. Es schaukelt, es ist der reinste Horror. Frühstück ist kein Thema. Mir ist schon wieder chötzlig. Ich versuche auf Deck etwas zu sitzen, möchte gegen diesen Albtraum kämpfen. Aber ich bin zu schwach. Es wird immer schlimmer. Simon, Simon und Beni sitzen neben mir. Fragen mich ganz scheu, ob sie etwas tun können. Jemand drückt mir dann mal eine Sonnencreme in die Hand. Ich muss jetzt einfach da durch. Zähle jede Minute, träume davon wie jemand «Land in Sicht» ruft. Ich schaue raus auf die Wellen, versuche in Träumen abzudriften, stelle mir die Skyline von Cartagena am Horizont vor. Und dann sagt mir, ich glaube es war Simon, dass in der Nacht wegen des Sturms das Segel gerissen sei. Möglicherweise werden wir fünf-sechs Stunden später eintreffen. Den nur mit dem kleinen Motörchen sind wir langsamer. Ich hoffe auf besonders unsensiblen Galgenhumor, sehe dann aber dass tatsächlich das Segel eingerollt ist. Das ist der Tiefpunkt des Albtraums. Ich hieve mich runter auf die Bank beim Gemeinschaftstisch. Das mit dem Segel ist das grosse Thema. Beim fröhlichen Kartenspiel sprechen die deutschen Girls davon, dass wir vielleicht erst mit zehn Stunden Verspätung ankommen. Und es möglichweise mitten in der Nacht nicht ins Hostel schaffen… Ich beginne mich zu fragen, warum mich Gott so bestraft. Was habe ich in der letzten Zeit so Böses gemacht? Das kann ja nicht einfach so passieren. Ich geh alle Situationen durch, wo ich vielleicht nicht so ein guter Mensch war. Und beginne mich im Gebet für alles zu entschuldigen. So eine Art Beichte im Halbdillirium. Ich zähle die Stunden, die Zeit will nicht vergehen. Das Schaukeln wird wieder heftiger.

Nach ein paar Stunden Horror: Es ist Znachtzeit. Nicht dass ich hungrig wäre, aber bald habe ich den Tag durch. Es gibt Sandwich zum selber belegen. Ich versuche, inzwischen wieder in Kampfstimmung, gegen das Schlechtsein anzukämpfen. Ich setze mich mit den anderen an den Tisch. Alle hauen rein wie die Verrückten. Ich esse ein Gurkenrädli und ein Salatblatt. Ich will kein Risiko eingehen. Die zweite Horrornacht steht bevor. Es sei nochmals stürmig sagt Fernando. Ich bereite mich aufs Schlimmste vor, versuche früh schlafen zu gehen.

Der nächste Morgen
Ich erwache, das Meer ist flach. Ich merke schnell, es geht mir besser. Ich gehe an Deck. «Finally, you look better! So happy to see colour in your face!», sagt die Amerikanerin und strahlt dabei wie ein Marienkäfer. Auch ich kann nach zwei Tagen wieder so etwas wie lächeln. Ein tolles Gefühl. Und dann kommt Beni und ruft ebenfalls strahlend: «Siehst du, die Wolkenkratzer dort am Horizont? Das ist Cartagena!!» Ich kanns nicht fassen. In einer tiefen Freude und unendlichen Erleichterung, kann ich ganz im Geheimen zwei, drei Freudentränen nicht verhindern. Nach ein paar Stunden treffen wir in Cartagena, Kolumbien ein. Mein grösster Horrortrip findet tatsächlich ein Ende.

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Fünf verrückte Tage, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Aber ich bin durch. Ich bin in Kolumbien!!!

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